Extraktionssteuern statt Sozialabgaben? Warum Produkte immer kürzer genutzt werden und wie wir dem entgegenwirken können

Man hört ja immer wieder von der modernen Wegwerfgesellschaft, die Produkte immer kürzer nutzt. Aber wie ist es eigentlich wirklich? Nutzen wir die Dinge wirklich immer kürzer?

Ja, es ist schon zu beobachten, dass die Produktlebensdauer kürzer wird. Studien zeigen, dass etwa Waschmaschinen heute im Schnitt 12-13 Jahre genutzt werden, während es vor einiger Zeit noch 15 Jahre waren. Ähnliches ist bei Handys und Fernsehern zu beobachten.

Weiß man, woran das liegt?

Dazu gibt es viele Diskussionen, viele haben wahrscheinlich schon von geplanter Obsoleszenz gehört, also der geplanten Lebensdauerverkürzung. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt des Problems. Viel häufiger ist es, dass die Ersatzteile und die Reparatur eines kaputten Geräts genauso viel oder deutlich mehr kosten als ein Neugerät. Das verhindert also, dass wir das Gerät länger nutzen in dem nur ein kleines Teil kaputt gegangen ist.

Ein großer Faktor scheinen also die Kosten der Reparatur im Vergleich zur Neuanschaffung zu sein. Was spielt denn noch eine Rolle dabei, dass Geräte kürzer genutzt werden?

Wichtig ist sicherlich dabei auch der technologische Wandel und recht kurze Innovationszyklen. Ein Beispiel dafür sind Fernseher. Während man früher einen Röhrenfernseher recht lange nutzte, da die neueren nicht unbedingt sehr viel mehr Features mitbrachten, steigert sich heute die Auflösung jedes Jahr, Kontraste werden schärfer, immer größere Geräte sind im Angebot. Das gibt natürlich auch einen Anreiz dafür ein Neugerät zu kaufen anstatt das alte zu reparieren, wenn das neue Gerät sogar noch “mehr kann”. Aber wie du sagst, die geringen Kosten für ein Neugerät bei sehr hohen Kosten für die Reparatur sind aus meiner Sicht ein, wenn nicht der wichtigste Faktor.

Kann es dann nicht sogar sinnvoll sein, ein Gerät nur auf wenige Jahre auszulegen, wenn es sowieso nur so kurz genutzt wird? Dann könnte die geplante Obsoleszenz ja eine gute Sache sein?

Auf den ersten Blick mag das Sinn machen, aus unternehmerischer Sicht natürlich noch mehr. Denn wieso das Gerät langlebig bauen, wenn es danach sowieso in der Schublade, dem Recyclinghof oder im Keller landet. Aus Perspektive der Nachhaltigkeit ist das jedoch fatal. Denn in den Geräten stecken ja heute viele wertvolle Rohstoffe, die selbst im Fall des Recyclinghofs heute kaum zurückgewonnen werden können und es auch zweifelhaft ist, ob dies in Zukunft möglich sein wird, da es sich häufig um sehr geringe Anteile in den Geräten handelt. Diese geringen Anteile haben jedoch in der Gewinnung teils gravierende Umweltauswirkungen, da im Bergbau der Metalle häufig sehr viel Erde bewegt werden muss, um an die Metalle zu kommen.

Also ist das Problem vielleicht gar nicht eine geringe Nutzungsdauer sondern vielmehr eine mangelnde „Recycelbarkeit“ von Produkten?

Das kann man so sagen, aber man kann sich natürlich auch die Frage stellen, wie (ökonomisch) sinnvoll es wäre, angenommen die Recyclebarkeit wäre kein Problem, ganze Produkte zu recyceln, bei denen es eigentlich darum geht etwa nur den Bildschirm zu tauschen. Zum Beispiel habe ich von einem Tüftler gehört, der 60 Jahre alte Röhrenradios mit WLAN-Anschluss ausstattet, um Webradio zu hören. Das ist doch ein genialer Fall der zeigt, dass man mit intelligenten Lösungen auch den technischen Fortschritt mitmachen kann, mit deutlich reduziertem Rohstoffverbrauch.

Ein Update alter Produkte klingt in der Tat spannend. Was wären denn weitere Strategien, um dem hohen Ressourcenverbrauch der vielen Neuprodukte entgegenzuwirken?

Für mich ist diesbezüglich in den vergangenen Monaten immer deutlicher geworden, dass es um eine Veränderung bei den Kosten geht. Menschliche Arbeit ist heute unter anderem wegen der hohen Steuer- und Sozialabgabenbelastung systematisch im Nachteil gegenüber der Nutzung von Rohstoffen, Energie und Technik. Eine Veränderung hier hätte vermutlich sehr vielfältige Auswirkungen. In Bezug auf unser Beispiel, würde die Reparatur gegenüber dem Neugerät konkurrenzfähiger. Gleichzeitig wäre aber natürlich auch ein Anreiz geschaffen zu Fortschritten beim Recycling zu kommen, da die Rohstoffe ja “wertvoller” wären, die damit wiedergewonnen werden könnten. Vermutlich würden die Hersteller aber auch in der Konkurrenz um Kunden dazu tendieren ihre technologischen Entwicklungen anders auszuspielen, nämlich indem sie die Geräte vermutlich modularer bauen würden. Das würde den Kunden ermöglichen auch aktuelle Entwicklungen schneller mitzunehmen, dabei aber den Rohstoffverbrauch vermutlich stark reduzieren.

Mehr zum Thema

https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/elektrogeraete-werden-immer-kuerzer-genutzt

https://de.wikipedia.org/wiki/Obsoleszenz#Psychische_Obsoleszenz

https://de.wikipedia.org/wiki/Geplante_Obsoleszenz