Technischer Wandel – Retter oder Unheilsbringer?

Ruben: Leon, warum glaubst Du eigentlich, dass technischer Fortschritt unsere Umweltprobleme nicht lösen wird?

Leon: Ich würde nicht sagen, dass technischer Fortschritt nicht dazu beitragen kann Umweltprobleme zu lösen. Erneuerbare Energien, Energieeffizienz insbesondere im Wohnbereich oder auch Elektroautos sind aus meiner Sicht Teil der Lösung. Woran ich nicht glaube, ist dass der Technische Fortschritt alleine die Umweltprobleme lösen wird. Und hierfür bietet glaube ich die Geschichte mehr als genug Beispiele. Angefangen von dem von Jevons beobachteten Phänomen, dass Dampfmaschinen die effizienter wurden, nicht dazu führten, dass weniger Kohle verbraucht wurde, sondern, dass mehr Dampfmaschinen angewendet wurden, wodurch der Verbrauch effektiv stieg, bis hin zu unseren modernen sehr sehr effizienten Verbrennungsmotoren. Diese werden nur heute in mehr und mehr und immer schwereren Autos verbaut. In anderen Bereichen werden die Probleme verschoben. Sagen wir mal, es gibt in absehbarer Zeit synthetischen Sprit für Flugzeuge. Dieser wird zwar sicherlich ein Teil einer Lösung für die CO2-Emissionen sein. Aber die Vorstellung, damit das heutige oder in Zukunft ein deutlich gesteigertes Ausmaß der Flüge aufrecht zu erhalten, finde ich schwierig.

Ruben: Also in knapp: Technischer Fortschritt ist zwar notwendig für die Lösung unserer Umweltprobleme aber allein noch lange nicht hinreichend?

Leon: Ja ich glaube das könnte ich so unterschreiben. Es geht vielmehr um eine Diskussion, wie und in welchem Umfang diese Innovationen in Anspruch genommen werden. Die Konsumlevels. Wobei ja nicht nur neoklassische Wachstumstheorien davon ausgehen, dass es technischer Fortschritt ist, der weiteres Wachstum antreibt. Doch die Frage ist, was passiert wenn man der materiellen Basis für diesen Fortschritt Grenzen setzt?

Ruben: Was hältst Du denn von der Idee von Umwelt Kuznets Kurven – also der Idee, dass die Umweltverschmutzung mit steigendem Wohlstand zunächst ansteigt und dann aber nach einem Maximum bei mittlerem Wohlstand wieder fällt. Für einige eher lokale Schadstoffe scheint diese Idee ja durchaus zu stimmen.

Leon: Ja, für einige Problembereiche scheint die Kuznets-Kurve durchaus eine treffende Beschreibung zu sein. Ich würde vermuten, dass sie überall dort gut funktioniert, wo es gute End-of-the-Pipe-Lösungen gibt. Also für Abwasser immer bessere Kläranlagen, für einige Emissionen Filteranlagen, am Ende ist sicherlich CCS, also die Speicherung von CO2 im Untergrund, eine solche Lösung. In anderen Bereichen spielt sicherlich auch eine Auslagerung der Schadstoffe oder Emissionen eine große Rolle. Im Bereich CO2 werden solche dann bei einer konsumbasierten Berechnung der Emissionen sichtbar. So zeigt eine Studie vor kurzem, dass alleine der Tourismus für 8 % der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist. Zu großen Teilen sind die “Verursacher” Bürger*innen der frühindustrialisierten Länder. Für andere unserer Umweltprobleme dagegen wie etwa den Biodiversitätsverlust oder den Verbrauch des endlichen Rohstoffs Phosphor in der Landwirtschaft, sind mir zumindest keine End-of-the-Pipe-Lösungen bekannt.

Ruben: Schauen wir uns doch mal die einige aktuell diskutierte Innovationen an: Elektromobilität, autonomes Fahren, fliegende Taxis und künstliche Intelligenz. Wo siehst Du hier das größte Potential? Und was bereitet Dir am meisten Sorgen?

Leon: Ich fasse mal Elektromobilität und autonomes Fahren zusammen. Sicherlich sind sie Teil einer Lösung. Insbesondere wenn man sich die gebaute Infrastruktur und ländliche Räume anschaut. In anderen Bereichen, wie Städten, können sie auch Beiträge leisten, aber wenn um 8 Uhr morgens jeder in seinem autonomen Auto zur Arbeit fährt, hat man kein Stauproblem und auch das Platzproblem, das Autos in Städten erzeugen sicherlich nicht gelöst. Gerade in Städten sind ein guter ÖPNV und eine gute (E-Bike)Fahrrad-Infrastruktur mindestens ebenso Teil der Lösung. Nun zu den fliegenden Taxis. Da denke ich stößt man wieder an ein ähnliches Problem, wie mit den Autos. Sie sind ein Luxus, der sicherlich nicht über dem begrenzten Flugraum einer Stadt verallgemeinerbar sind. Zudem sind solche Flugtaxis sicherlich eher eine Diskussion für die Mega-Metropolen unserer Welt, wo diese Taxis auch auf Hochhäusern landen könnten. Wenn ich mir deutsche Städte anschaue, wüsste ich nicht, wo die landen sollten. Bezüglich künstlicher Intelligenz: Ich denke das ist ein sehr sehr großes Feld, das in sehr, sehr vielen Arbeits und Lebensbereichen anwendbar wird. Da müsste man die Diskussion über konkrete Beispiele führen. Was die Diskussion dazu aber bewegen kann, ist sicherlich eine gesellschaftliche Debatte zu Arbeitszeitverkürzungen. Wobei auch hier die Meinungen auseinandergehen. Denn es finden sich auch natürlich wieder neue Jobs, während andere durch KI wegrationalisiert werden.

Ruben: Danke für Deine Einschätzung!

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kuznets-Kurve#Umwelt-Kuznets-Kurve

https://www.nature.com/articles/s41558-018-0141-x

 

Per Nudge in die Katastrophe oder ein Default, der Leben rettet?

Leon: Du beschäftigst dich momentan mit Nudging. Kannst du zum Einstieg vielleicht erstmal kurz erklären was sich hinter dem Begriff verbirgt?

Ruben: Nudging kommt vom englischen Stupsen, also einem Anstoß oder Stups zu einer bestimmten Entscheidung. Nudging will sich dabei von zwei weit verbreiteten Alternativen abgrenzen: Auf der einen Seite dem Zwang zum Beispiel durch Gesetze, bei der dem Entscheidenden keine Wahl mehr gelassen wird und auf der anderen Seite von Interventionen durch finanzielle Anreize, z.B. Steuern, die ja das klassische Mittel der Ökonomen sind. Ziel der Nudges ist, den Entscheidenden in eine Richtung zu stupsen ohne ihn oder sie dazu zu zwingen. Damit etwas als Nudge gilt, muss man sich auch einfach gegen die vom Nudge angestupste Entscheidungsrichtung entscheiden können.

Leon: Das scheint ja ein interessanter Zwischenweg zwischen Bevormundung und Marktinstrumenten zu sein. Aber wie muss ich mir das genau Vorstellen, so einen Stups, der einem Entscheidungsfreiheit lässt aber ja anscheinend dennoch in eine bestimmte Richtung treibt? Kannst du das vielleicht an einem Beispiel erläutern?

Ruben: Das klassische Beispiel sind Defaults auf dem Organspendeausweis. In manchen Ländern muss man ein Kreuz setzen, um seine Organe zu spenden. In anderen Ländern setzt man sein Kreuz, um sie nicht zu spenden. In letzteren Ländern liegt der Anteil der Spender fast doppelt so hoch. So ein kleiner Stups kann also einen großen Effekt haben.

Leon: Ja interessant, das scheint ja eine recht einfache Methode zu sein, um “gewünschte” Ergebnisse ohne einen Aufschrei wie beim Veggie-Day hervorzurufen. Aber es gibt sicherlich auch Kritiker, die hier sagen würden, dass man die “Faulheit”/”Uninformiertheit” der Menschen unzulässig ausnutzt oder?

Ruben: Da legst Du mir die Kritik ja fast in den Mund. Zugegeben: Die ethische Frage beim Nudging ist, wer wen mit welcher Legitimation in welche Richtung nudged. Ich glaube beim Organspendeausweis ist das noch relativ unkritisch. Wenn es einer oder einem Entscheidenden so unwichtig ist, ob er oder sie seine Organe spendet, dann fände ich es in Ordnung, dann einen Default für die Organspende zu setzen und damit Leben zu retten. Man könnte aber auch vorab fragen, wie sich denn Leute bei einer offenen Frage entscheiden würden und das Formular dementsprechend aufbauen. Es bleiben aber wichtige Fragen: Wer entscheidet, in welche Richtung genudged wird? Müssen Nudges immer transparent gemacht werden? Für ein Negativbeispiel kann man sich den Buchungsprozess von Ryanair anschauen in dem viele Defaults und andere Nudges so gesetzt sind, dass man möglichst viel für seinen Flug bezahlt.

Leon: Es stellt sich also auch die Frage “wann wird überhaupt nicht genudged?” oder? Denn im Prinzip kann man in unserem Alltag viele Strukturen und Rahmenbedingungen erkennen, die uns schon heute in eine Richtung stupsen, da die “Verhaltenskosten” für eine Option geringer sind als für eine andere. Ich denke hier etwa an die Fortbewegung in der Stadt. In Kopenhagen sagen die Radfahrer, dass sie mit dem Rad fahren weil das am schnellsten und einfachsten sei. In deutschen Städten scheinen diese Charakteristika auf das Auto zuzutreffen?

Ruben: So ist es. Nudges gab es schon lange bevor der Begriff des Nudging erfunden wurde. Ob das Produkt im Supermarkt auf Augenhöhe steht ist ein Nudge, welche Option bei Google ganz oben steht ist ein Nudge, usw. Manchmal ist hier die Abgrenzung etwas schwammig. Nudges sind ja auch darüber definiert, dass man sich auch einfach anders entscheiden kann. Wenn es also sehr teuer oder aufwendig ist, mit dem Auto zu fahren statt mit dem Fahrrad, dann könnte man argumentieren, dass das schon nicht mehr als Nudge durchgeht, weil es keine einfache und kostengünstige Alternative gibt. Insgesamt aber gilt natürlich, dass wir in unserem Alltag sehr häufig von unserer Entscheidungsumgebung zu einer bestimmten Entscheidung gestupst werden.

Leon: Wir haben jetzt schon einige Optionen andiskutiert wie Nudges für Nachhaltigkeit, dem Thema unseres Blogs genutzt werden können. Hast du vielleicht noch ein paar Beispiele die dir in diesem Zusammenhang als sehr effektiv und wenig problematisch erscheinen? Und wo stößt der Ansatz aus deiner Sicht an Grenzen?

Ruben: Ich glaube Nudging hat großes Potential, uns mit nachhaltigeren Entscheidungen zu helfen. Wenn Google Maps immer zuerst die Fahrt mit dem Fahrrad oder den Öffis vorschlägt, wenn die Bioprodukte im Supermarkt auf Augenhöhe stehen, wenn wir die Werbung für die nächste Flugfernreise auf Seite 7 der Tageszeitungen verschieben, wenn als Grundversorger beim Strom ein Ökostromvertrag als Default steht, dann kommen wir unseren Nachhaltigkeitszielen deutlich näher. Was das aber auch klar macht: Nudging allein wird die Nachhaltigkeitsproblematik nicht lösen und muss mit Ordnungspolitik und finanziellen Anreizen komplementiert werden, um der Dimension des Problems gerecht zu werden.

Quellen:

Johnson, E., & Goldstein, D. (2003). Do Defaults Save Lives? Science, 302(5649), 1338–1339. https://doi.org/10.1126/science.1091721

Ekardt, F. (2017). Angestupst in die Katastrophe. Zeit Online. https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-12/nudging-umweltschutz-richard-thaler-konsumenten

 

Extraktionssteuern statt Sozialabgaben? Warum Produkte immer kürzer genutzt werden und wie wir dem entgegenwirken können

Man hört ja immer wieder von der modernen Wegwerfgesellschaft, die Produkte immer kürzer nutzt. Aber wie ist es eigentlich wirklich? Nutzen wir die Dinge wirklich immer kürzer?

Ja, es ist schon zu beobachten, dass die Produktlebensdauer kürzer wird. Studien zeigen, dass etwa Waschmaschinen heute im Schnitt 12-13 Jahre genutzt werden, während es vor einiger Zeit noch 15 Jahre waren. Ähnliches ist bei Handys und Fernsehern zu beobachten.

Weiß man, woran das liegt?

Dazu gibt es viele Diskussionen, viele haben wahrscheinlich schon von geplanter Obsoleszenz gehört, also der geplanten Lebensdauerverkürzung. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt des Problems. Viel häufiger ist es, dass die Ersatzteile und die Reparatur eines kaputten Geräts genauso viel oder deutlich mehr kosten als ein Neugerät. Das verhindert also, dass wir das Gerät länger nutzen in dem nur ein kleines Teil kaputt gegangen ist.

Ein großer Faktor scheinen also die Kosten der Reparatur im Vergleich zur Neuanschaffung zu sein. Was spielt denn noch eine Rolle dabei, dass Geräte kürzer genutzt werden?

Wichtig ist sicherlich dabei auch der technologische Wandel und recht kurze Innovationszyklen. Ein Beispiel dafür sind Fernseher. Während man früher einen Röhrenfernseher recht lange nutzte, da die neueren nicht unbedingt sehr viel mehr Features mitbrachten, steigert sich heute die Auflösung jedes Jahr, Kontraste werden schärfer, immer größere Geräte sind im Angebot. Das gibt natürlich auch einen Anreiz dafür ein Neugerät zu kaufen anstatt das alte zu reparieren, wenn das neue Gerät sogar noch “mehr kann”. Aber wie du sagst, die geringen Kosten für ein Neugerät bei sehr hohen Kosten für die Reparatur sind aus meiner Sicht ein, wenn nicht der wichtigste Faktor.

Kann es dann nicht sogar sinnvoll sein, ein Gerät nur auf wenige Jahre auszulegen, wenn es sowieso nur so kurz genutzt wird? Dann könnte die geplante Obsoleszenz ja eine gute Sache sein?

Auf den ersten Blick mag das Sinn machen, aus unternehmerischer Sicht natürlich noch mehr. Denn wieso das Gerät langlebig bauen, wenn es danach sowieso in der Schublade, dem Recyclinghof oder im Keller landet. Aus Perspektive der Nachhaltigkeit ist das jedoch fatal. Denn in den Geräten stecken ja heute viele wertvolle Rohstoffe, die selbst im Fall des Recyclinghofs heute kaum zurückgewonnen werden können und es auch zweifelhaft ist, ob dies in Zukunft möglich sein wird, da es sich häufig um sehr geringe Anteile in den Geräten handelt. Diese geringen Anteile haben jedoch in der Gewinnung teils gravierende Umweltauswirkungen, da im Bergbau der Metalle häufig sehr viel Erde bewegt werden muss, um an die Metalle zu kommen.

Also ist das Problem vielleicht gar nicht eine geringe Nutzungsdauer sondern vielmehr eine mangelnde „Recycelbarkeit“ von Produkten?

Das kann man so sagen, aber man kann sich natürlich auch die Frage stellen, wie (ökonomisch) sinnvoll es wäre, angenommen die Recyclebarkeit wäre kein Problem, ganze Produkte zu recyceln, bei denen es eigentlich darum geht etwa nur den Bildschirm zu tauschen. Zum Beispiel habe ich von einem Tüftler gehört, der 60 Jahre alte Röhrenradios mit WLAN-Anschluss ausstattet, um Webradio zu hören. Das ist doch ein genialer Fall der zeigt, dass man mit intelligenten Lösungen auch den technischen Fortschritt mitmachen kann, mit deutlich reduziertem Rohstoffverbrauch.

Ein Update alter Produkte klingt in der Tat spannend. Was wären denn weitere Strategien, um dem hohen Ressourcenverbrauch der vielen Neuprodukte entgegenzuwirken?

Für mich ist diesbezüglich in den vergangenen Monaten immer deutlicher geworden, dass es um eine Veränderung bei den Kosten geht. Menschliche Arbeit ist heute unter anderem wegen der hohen Steuer- und Sozialabgabenbelastung systematisch im Nachteil gegenüber der Nutzung von Rohstoffen, Energie und Technik. Eine Veränderung hier hätte vermutlich sehr vielfältige Auswirkungen. In Bezug auf unser Beispiel, würde die Reparatur gegenüber dem Neugerät konkurrenzfähiger. Gleichzeitig wäre aber natürlich auch ein Anreiz geschaffen zu Fortschritten beim Recycling zu kommen, da die Rohstoffe ja “wertvoller” wären, die damit wiedergewonnen werden könnten. Vermutlich würden die Hersteller aber auch in der Konkurrenz um Kunden dazu tendieren ihre technologischen Entwicklungen anders auszuspielen, nämlich indem sie die Geräte vermutlich modularer bauen würden. Das würde den Kunden ermöglichen auch aktuelle Entwicklungen schneller mitzunehmen, dabei aber den Rohstoffverbrauch vermutlich stark reduzieren.

Mehr zum Thema

https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/elektrogeraete-werden-immer-kuerzer-genutzt

https://de.wikipedia.org/wiki/Obsoleszenz#Psychische_Obsoleszenz

https://de.wikipedia.org/wiki/Geplante_Obsoleszenz