Per Nudge in die Katastrophe oder ein Default, der Leben rettet?

Leon: Du beschäftigst dich momentan mit Nudging. Kannst du zum Einstieg vielleicht erstmal kurz erklären was sich hinter dem Begriff verbirgt?

Ruben: Nudging kommt vom englischen Stupsen, also einem Anstoß oder Stups zu einer bestimmten Entscheidung. Nudging will sich dabei von zwei weit verbreiteten Alternativen abgrenzen: Auf der einen Seite dem Zwang zum Beispiel durch Gesetze, bei der dem Entscheidenden keine Wahl mehr gelassen wird und auf der anderen Seite von Interventionen durch finanzielle Anreize, z.B. Steuern, die ja das klassische Mittel der Ökonomen sind. Ziel der Nudges ist, den Entscheidenden in eine Richtung zu stupsen ohne ihn oder sie dazu zu zwingen. Damit etwas als Nudge gilt, muss man sich auch einfach gegen die vom Nudge angestupste Entscheidungsrichtung entscheiden können.

Leon: Das scheint ja ein interessanter Zwischenweg zwischen Bevormundung und Marktinstrumenten zu sein. Aber wie muss ich mir das genau Vorstellen, so einen Stups, der einem Entscheidungsfreiheit lässt aber ja anscheinend dennoch in eine bestimmte Richtung treibt? Kannst du das vielleicht an einem Beispiel erläutern?

Ruben: Das klassische Beispiel sind Defaults auf dem Organspendeausweis. In manchen Ländern muss man ein Kreuz setzen, um seine Organe zu spenden. In anderen Ländern setzt man sein Kreuz, um sie nicht zu spenden. In letzteren Ländern liegt der Anteil der Spender fast doppelt so hoch. So ein kleiner Stups kann also einen großen Effekt haben.

Leon: Ja interessant, das scheint ja eine recht einfache Methode zu sein, um “gewünschte” Ergebnisse ohne einen Aufschrei wie beim Veggie-Day hervorzurufen. Aber es gibt sicherlich auch Kritiker, die hier sagen würden, dass man die “Faulheit”/”Uninformiertheit” der Menschen unzulässig ausnutzt oder?

Ruben: Da legst Du mir die Kritik ja fast in den Mund. Zugegeben: Die ethische Frage beim Nudging ist, wer wen mit welcher Legitimation in welche Richtung nudged. Ich glaube beim Organspendeausweis ist das noch relativ unkritisch. Wenn es einer oder einem Entscheidenden so unwichtig ist, ob er oder sie seine Organe spendet, dann fände ich es in Ordnung, dann einen Default für die Organspende zu setzen und damit Leben zu retten. Man könnte aber auch vorab fragen, wie sich denn Leute bei einer offenen Frage entscheiden würden und das Formular dementsprechend aufbauen. Es bleiben aber wichtige Fragen: Wer entscheidet, in welche Richtung genudged wird? Müssen Nudges immer transparent gemacht werden? Für ein Negativbeispiel kann man sich den Buchungsprozess von Ryanair anschauen in dem viele Defaults und andere Nudges so gesetzt sind, dass man möglichst viel für seinen Flug bezahlt.

Leon: Es stellt sich also auch die Frage “wann wird überhaupt nicht genudged?” oder? Denn im Prinzip kann man in unserem Alltag viele Strukturen und Rahmenbedingungen erkennen, die uns schon heute in eine Richtung stupsen, da die “Verhaltenskosten” für eine Option geringer sind als für eine andere. Ich denke hier etwa an die Fortbewegung in der Stadt. In Kopenhagen sagen die Radfahrer, dass sie mit dem Rad fahren weil das am schnellsten und einfachsten sei. In deutschen Städten scheinen diese Charakteristika auf das Auto zuzutreffen?

Ruben: So ist es. Nudges gab es schon lange bevor der Begriff des Nudging erfunden wurde. Ob das Produkt im Supermarkt auf Augenhöhe steht ist ein Nudge, welche Option bei Google ganz oben steht ist ein Nudge, usw. Manchmal ist hier die Abgrenzung etwas schwammig. Nudges sind ja auch darüber definiert, dass man sich auch einfach anders entscheiden kann. Wenn es also sehr teuer oder aufwendig ist, mit dem Auto zu fahren statt mit dem Fahrrad, dann könnte man argumentieren, dass das schon nicht mehr als Nudge durchgeht, weil es keine einfache und kostengünstige Alternative gibt. Insgesamt aber gilt natürlich, dass wir in unserem Alltag sehr häufig von unserer Entscheidungsumgebung zu einer bestimmten Entscheidung gestupst werden.

Leon: Wir haben jetzt schon einige Optionen andiskutiert wie Nudges für Nachhaltigkeit, dem Thema unseres Blogs genutzt werden können. Hast du vielleicht noch ein paar Beispiele die dir in diesem Zusammenhang als sehr effektiv und wenig problematisch erscheinen? Und wo stößt der Ansatz aus deiner Sicht an Grenzen?

Ruben: Ich glaube Nudging hat großes Potential, uns mit nachhaltigeren Entscheidungen zu helfen. Wenn Google Maps immer zuerst die Fahrt mit dem Fahrrad oder den Öffis vorschlägt, wenn die Bioprodukte im Supermarkt auf Augenhöhe stehen, wenn wir die Werbung für die nächste Flugfernreise auf Seite 7 der Tageszeitungen verschieben, wenn als Grundversorger beim Strom ein Ökostromvertrag als Default steht, dann kommen wir unseren Nachhaltigkeitszielen deutlich näher. Was das aber auch klar macht: Nudging allein wird die Nachhaltigkeitsproblematik nicht lösen und muss mit Ordnungspolitik und finanziellen Anreizen komplementiert werden, um der Dimension des Problems gerecht zu werden.

Quellen:

Johnson, E., & Goldstein, D. (2003). Do Defaults Save Lives? Science, 302(5649), 1338–1339. https://doi.org/10.1126/science.1091721

Ekardt, F. (2017). Angestupst in die Katastrophe. Zeit Online. https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-12/nudging-umweltschutz-richard-thaler-konsumenten

 

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